Die Geschichte des Hubert Knicker

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Über seine Erfahrungen und das Thema Organspende spricht Hubert Knicker regelmäßig bei Vorträgen in Schulen oder Kliniken (Bildquelle: Hubert Knicker)

„Es lohnt sich zu kämpfen“

Mein Name ist Hubert Knicker und ich bin 2010 herztransplantiert worden. Von einem auf den anderen Tag geriet mein Leben im Dezember 1995 aus allen Fugen. Eine schwere Herzmuskelentzündung ließ mir laut den Ärzten nur wenige Jahre. Doch ich gab nie auf, kämpfte mich selbst nach schweren Rückschlägen zurück. Im Juli 2010 war es dann „ein Akt der Nächstenliebe“, der mein Leben retten sollte.

Als Krankenpfleger war es immer mein Job, anderen Menschen zu helfen. Anfang Dezember 1995 fand ich mich dann plötzlich auf der anderen Seite des Klinikgeschehens wieder. Diagnose: dilatative Kardiomyopathie – eine schwere Herzmuskelentzündung, ausgelöst durch eine verschleppte Virusinfektion. Ich war gerade einmal 37 und meine Frau musste sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass wahrscheinlich nicht mehr viele Jahre hinzukommen würden. Einzig ein Spenderherz konnte mir helfen. Doch dieses würde noch in weiter Ferne liegen.

Stattdessen sollten in den nächsten Jahren starke Herzmedikamente meine treuesten Gefährten werden, mich an den Rand meiner Belastbarkeit bringen und mir dennoch tagein tagaus das Leben retten. Die Leistung meiner Herzpumpe lag bei 25 Prozent. Und so seltsam es auch klingen mag: Ich war einigermaßen zufrieden – immerhin arbeitete sie überhaupt noch.

2003 ließ mein Herz mich dann wieder im Stich. Kammerflimmern! Einmal mehr holten mich die Ärzte ins Leben zurück und als ich nach zwischenzeitlicher Verlegung das Herzzentrum in Bad Oeynhausen verließ, war ich um einen treuen Begleiter reicher. Von nun an brachte ein implantierter Defibrillator mein Herz wieder in den richtigen Rhythmus, wann immer es zu schlagen aufhörte.

Defibrillator, Kunstherz und quälendes Warten

Doch auch mein „Defi“ würde irgendwann nicht mehr ausreichen. Dieser Tag kam im Jahr 2008. Meine Herzpumpleistung lag mittlerweile bei 15 Prozent und die letzte Alternative, die mir in der Kürze der Zeit blieb, war ein Kunstherzsystem. Abermals entschied ich mich für die Operation. Das Organ, das wie kein anderes für den Kampfeswillen des Menschen steht, mag nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen sein, doch Aufgeben kam für mich nicht infrage. Wie hätte ich das meiner Frau antun können, die mit mir sämtliche Höhen und Tiefen durchgestanden hatte?

Ich arrangierte mich bestens mit meinem Herzunterstützungssystem, als ein mechanischer Defekt mich im Mai 2010 zu meiner bislang letzten Schlacht zwang. Zurück im Herzzentrum Bad Oeynhausen begann es nun, jenes schier unerträgliche Warten auf ein Spenderherz. Wird man ein passendes Organ für mich finden? Wäre ich überhaupt in der Lage, eine Transplantation zu überstehen? Wieder und wieder stellte ich mir diese Fragen und fürchtete insgeheim bereits die Antwort auf die erste von ihnen. Meine Kampfeslust drohte dem Gefühl völliger Hilflosigkeit zu weichen, nicht zuletzt weil ich mit ansehen musste, wie drei meiner Mitwartenden verstarben. Für zwei kam ein Spenderherz zu spät, ein weiterer überlebte die Transplantation nicht.

Am 24. Juli 2010 sollte die erste mich quälende Frage beantwortet werden. Eurotransplant hatte ein Spenderherz für mich! Drei Monate später dann erreichte mich die volle Gewissheit: Auch das zweite Fragezeichen spielte keine Rolle mehr. Nach geglückter Transplantation und kleinen Zwischenfällen rund um meine Lunge ging es für mich nach Hause.

Ein Akt der Nächstenliebe

Heute kann ich behaupten, eine schwere Zeit gänzlich hinter mir gelassen zu haben. Ich blicke nicht mit Argwohn auf vermeintlich verlorene Jahre zurück. Ganz im Gegenteil: Jeden Moment, der seit der ersten Diagnose vergangen ist, empfinde ich als Geschenk.

Und seit dem 24. Juli 2010 denke ich jeden Tag an einen Menschen, den ich nie kennenlernen durfte, ohne den ich aber sicher keine zweite Chance erhalten hätte. Ich bekam das Herz eines Menschen, der sich bereits zu Lebzeiten dafür entschieden hatte, Organspender zu werden. Wahrscheinlich hatte er damals nicht einmal einen konkreten Anlass, sich Gedanken darüber zu machen. Er tat es trotzdem und durch seine Nächstenliebe wurde ich neugeboren.

Schon in den bangen Wochen des Wartens auf mein Spenderherz reifte in mir die Entscheidung, mich – sollte ich überleben – gemeinsam mit meiner Frau für mehr Aufklärung zum Thema Organspende einzusetzen. Ich glaube auch, das bin ich meinem unbekannten Retter ebenso schuldig wie den Ärzten und dem Pflegepersonal, die immer für mich da waren. Mit Beamer und Laptop ausgestattet halten wir nun kostenlos Vorträge. Zudem widme ich mich dem Thema Organspende auf einer eigenen Website.

Eines will ich allerdings keinesfalls: Dass die Entscheidung zur Organspende als selbstverständlich angesehen wird. Nein! Organspende muss in Deutschland noch immer freiwillig sein. Jedoch sollte sich jeder rechtzeitig mit seinen Angehörigen zusammensetzen, um das Thema zu diskutieren.

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