Kolumne Ja/Nein

Ich wollt, ich müsste

Ja/Nein Teaserbild
Keine leichte Aufgabe: Entscheidungen treffen

Da sitze ich und starre. Starre auf dieses Ding vor mir. Ein Stück Papier, schön ist es nicht. Aber schön müssen Entscheidungen ja nicht immer sein. Ich habe auch schon mal einen Liebesbrief auf einen schrumpeligen Kaffeefilter geschrieben.

Egal. Hier geht es um deutlich mehr als einen schönen Schein. Hier geht es ums Innerste. Um was wirklich richtig Großes. Vielleicht, nein: wahrscheinlich sogar um das Größte überhaupt. Ums Leben. Ums Sterben. Und darum, eine Wahl zu treffen. Für das eine. Gegen das andere. Es geht um den Organspendeausweis. Setze ich darauf das Kreuz für Ja, dann lebt vielleicht im Ernstfall jemand weiter. Entscheide ich mich für Nein, ist eine Chance vertan. Alle acht Stunden stirbt ein Mensch, weil kein passendes Organ gefunden wird. Dreimal am Tag endet also ein Menschenleben, weil jemand vergessen oder abgelehnt hat, sich zu entscheiden.

Ich entscheide über eine komplette Existenz

Acht Stunden. Tatsache ist: Ich entscheide hier über eine komplette Existenz. Wenn ich den Hirntod sterbe, der es ermöglicht, eines meiner Organe zu spenden, könnte mein potenzieller Empfänger sehen, wie seine Tochter groß wird. Er könnte dabei sein, wenn der Sohn sein erstes Tor schießt und der Partner nach schwerer Krankheit ganz zögerlich sein Lächeln wiederfindet. Oder sein Platz am Familientisch, auf der Tribüne und am Krankenbett bleibt leer. Für immer. Auch darüber entscheide ich gerade.

Also was ist? Soll ich das Ding nun unterschreiben? Falsche Frage. Muss ich das Ding nun unterschreiben? Ich glaube, das Problem ist ziemlich profan. Ein Bauchproblem. Menschen wie ich haben Angst.

Die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen

Am meisten, nicht zu Unrecht, vor uns selber. In vielen Bereichen unseres Lebens wollen wir so frei wie nur möglich sein. Hier bin ich nun frei. Frei in meiner Entscheidung für ein Ja zur Organspende oder aber für das Nein. Eigentlich täte etwas weniger Freiheit hier ganz gut. Aber Freiheit heißt immer auch eigenverantwortlich zu entscheiden. Niemand redet dir in die Angelegenheit hinein. Und diese Verantwortung möchte ich wiederum auch nicht abgeben. Ich könnte sie ja aufschieben. Es heißt doch immer so schön: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Helfen würde es aber nicht wirklich. Denn die Menschen warten weiterhin auf ein Spenderorgan. Und sollte ich morgen sterben? Dann hätte meine Familie die Last der Entscheidung, die ja eigentlich meine Entscheidung gewesen wäre.

Menschen haben sich schon vor mir mit dem Thema beschäftigt und auch eine Entscheidung getroffen. Es ist doch so: Ob pro oder contra, es geht darum, zu etwas zu stehen. Abzuwägen, sich mit den Konsequenzen an einen Tisch gesetzt und Zwiegespräche mit den eigenen Ängsten geführt zu haben. Das ist es. Nicht mehr und nicht weniger.
Ja oder Nein.

 

2 KommentareEinblendendown

Redaktionsbuero
Sehr geehrte Katharina, Sie finden viele Informationen rund um die Organspende auf www.organspende-info.de. Zum Thema Hirntod finden Sie Informationen auf http://www.organspende-info.de/organ-und-gewebespende/verlauf/voraussetzungen. Wenn Sie noch Fragen haben, schicken Sie uns gerne eine eMail an redaktionsbuero@bmg.bund.de Mit freundlichen Grüßen Ihr Redaktionsbüro
Katharina
Ja, das ist richtig. Es geht um eine sehr wichtige Entscheidung und genau aus diesem Grund müssen ALLE Fakten auf den Tisch. Wie kann man von der Bevölkerung so eine Entscheidung abverlangen, ohne aber auch auf die Schattenseiten der Organspende einzugehen? Es geht nicht nur darum, den zensierten Organspenderausweis anzustarren, sondern auch die Nachteile der Organspende zu kennen. Die neue Kampagne "Ich entscheide. Informiert und aus Verantwortung" - wann denken Sie denn uns darüber zu informieren, dass z.B. erst durch die Organentnahme der Spender getötet wird, dass es nicht sicher ist, dass der Spender noch Schmerzen spürt, wenn ihm die Organe entnommen werden, dass es zahlreiche Hirntod-Diagnostizierte gibt, die heute ein normales Leben führen, etc. etc.? Wenn ich informiert eine Entscheidung treffen soll, dann brauche ich aber auch alle Informationen dazu!

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